Spatium pectoris

„Angina pectoris“ = „Herzensenge“ ist in erster Linie eine medizinische Diagnose. Ich denke manchmal, es könnte auch der Überbegriff für die vielen kleinen oder größeren Ärgerlichkeiten sein, mit denen wir im Alltag so oft zu kämpfen haben. Wenn das Herz eng wird, dann werden auch die Ängste größer und die Hoffnungen kleiner. Dann geht es mit einem Mal nicht mehr um Menschen und um offene Fragen, sondern nur noch ums Prinzip.

Viele Anliegen, die Klient*innen mit in die Beratung bringen, haben mit einer solchen Herzensenge zu tun: Frustration am Arbeitsplatz oder Enttäuschung in der Partnerschaft. Nicht gesehen zu werden mit dem, was ich kann und leiste. Mit meinen eigenen Bedürfnissen immer wieder zu kurz zu kommen. Das kann mich in eine Dauerschleife der Verletztheit führen, und mir buchstäblich die Luft abdrücken.

Sich innerlich weiter zu entwickeln, heißt in diesem Fall: mehr Weite zu entwickeln. Den Blick für das Ganze nicht zu verlieren, und mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich muss zu den Menschen und zu den offenen Fragen in meinem Leben eine innere Haltung beziehen: Was tut mir gut? Wer gibt mir Kraft? Auf wen oder was kann ich getrost verzichten? Welches Risiko muss ich dafür womöglich in Kauf nehmen?

Mit jeder Frage einmal tief durchatmen – und spüren, wie die Enge meines Herzens langsam einem Gefühl der Ruhe und des Friedens weicht. Vieles, was mich ängstigt und eng macht, sieht mit ein bisschen Abstand nicht mehr so bedrohlich aus. In meinem Brustkorb ist wieder Platz für verschiedene Gefühle. Auch wenn manches noch fehlt, kann ich doch zu dem, was da ist, von Herzen „Ja“ sagen. Etwas frei übersetzt könnte man sagen: „Spatium pectoris“ = „Weite des Herzens“ entwickeln.